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peregrinatio - Peter Aschoff

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Aktualisiert: vor 6 Tage 5 Stunden

Klöster am Rande der Welt (3)

Do, 16/05/2013 - 10:35

Die größte Sehenswürdigkeit auf Inishmore ist die Festung von Dun Aengus, die halbkreisförmig am Rand der Klippen über dem Atlantik steht. Kleinbusse karren die Touristen vom Fährkai in Killronan über die kleine Landstraße zu den Highlights der Insel, wer dem Herdentrieb entgehen will, kann sich ein Fahrrad mieten, und wer es ganz entspannt möchte, der übernachtet auf der Insel und schaut sich die schönsten Flecken an, wenn die Fähre um 17.00 Uhr abgelegt hat.

Nicht weit entfernt liegen bei Onaght im Nordwesten die Ruinen der Seven Churches. Man muss schon genau hinsehen, um auch wirklich sieben Gebäude zu entdecken. Als Kirchen zweifelsfrei identifizierbar sind auf jeden Fall zwei davon.

Eine davon heißt Teampall Bhreacáin, sie stammt aus dem 8. Jahrhundert und ist nach St. Brecan benannt, der zumindest kurzzeitig mit Enda um die kirchliche Vorherrschaft auf den Inseln konkurrierte. Tröstlich, dass anscheinend (oder angeblich) auch diese Heiligen nicht ganz frei von Platzhirschgehabe und Rivalität waren. Brecan und Enda wollten der Legende nach die Insel unter sich aufteilen. Nach der Messe, die jeder in seiner Kirche feierte, sollten sie sich zeitgleich auf den Weg machen und an den Punkt, wo beide sich trafen, sollte dann die Grenze verlaufen. Brecan schummelte und lief früher los als verabredet. Enda kam ihm auf die Schliche und auf sein Gebet hin blieb Brecan im Sand von Kilmurvey stecken, so dass Enda den deutlich größeren Teil der Insel behielt. Immerhin hat ihr Gerangel sie nicht davon abgehalten, blühende Klöster aufzubauen und von dort viele Gelehrte und Pioniermissionare auszusenden.

In einem Laden auf Inishmore erzählte ein Einheimischer vom früheren katholischen Priester der Insel, Dara Molloy. Der hat inzwischen geheiratet und vier Kinder, bietet auf eigene Rechnung Trauungen und andere Dienste nach keltischem Ritus an, was in diesem Fall anscheinend heißt, dass er eine etwas eigenwillige Mischung aus christlichen und neuheidnischen Gedanken und Traditionen vertritt. Theologisch dominieren grob gestrickte Muster: Den jüdisch-christlichen (oder auch abrahamitischen) Monotheismus sieht er in erster Linie als eine Kraft, die wahre Vielfalt unterdrückt, die römische Kirche ist für ihn der Prototyp des globalen Konzerns, der alles uniformiert.

Kategorien: Theologie

Klöster am Rande der Welt (2)

Mi, 15/05/2013 - 09:58

Die wahrscheinlich kleinste Kirche Irlands (und vielleicht darüber hinaus, obwohl ein paar Dorfkapellchen in der fränkischen Schweiz kaum größer wirken) ist der Teampall Bheanáin auf Inishmore. Das winzige Kirchlein steht seit einem guten Jahrtausend auf dem Karstrücken südöstlich von Kilronan und ist in der Steinöde schon von Weitem zu sehen. Innen ist es nicht einmal anderthalb Meter breit – es misst elf auf fünfzehn Fuß. Es ist dem Benignus geweiht, einem Gefährten des Heiligen Patrick.

Etwas unterhalb stehen Reste eines alten Rundturms in einer Kuhweide, davor Reste eines Hochkreuzes mit Ornamenten, vermutlich gehörte das auch zu der Klosteranlage von St. Enda.

Von der Straße in Killeaney ist man in ein paar Minuten auf die Anhöhe gestiegen. Wahrscheinlich war die Kirche der Gebetsraum eines Eremiten, in der Nähe befindet sich ein Mauerring und eine Mönchszelle. Der Einsiedler hat sich zum Beten einen windigen Ort ausgesucht, aber auch einen mit Weitblick, wie das Foto zeigt.

Kategorien: Theologie

Klöster am Rande der Welt

Di, 14/05/2013 - 11:20

Auf Inishmore, der größten der drei Aran-Inseln vor Irlands Westküste, liegt St. Enda’s church. Die Klosteranlage, zu der es gehörte, geht zurück auf Enda, Sohn des keltischen Königs Conall, der zunächst in Ulster den Vater beerbte und in zahlreiche Kämpfe verwickelt war, bis er durch seine Schwester Fanchea zum Glauben fand. Er legte die Waffen nieder und legte, vermutlich zunächst im von St. Ninian gegründeten Kloster Casa Candida in Whithorn im Süden Schottlands, das Mönchsgelübde ab.

Im Jahr 484 schenkte ihm sein Schwager, der König von Cashel, Land auf Inishmore. Enda gründete ein Kloster mit einer später sehr berühmten Klosterschule, weitere Klostergründungen folgten in den Jahren danach. Unter Endas Führung lebten dort schon bald 150 Brüder in schlichten Steinzellen um eine Kirche und ein Refektorium herum. Die Inseln wurden zur Attraktion für Pilger und bekamen den Beinamen “Aran of the Saints”. Auf der kargen Insel lebten die Mönche ein sehr einfaches Leben, und doch gingen von hier Impulse nach ganz Westeuropa aus. Unter anderem sollen sich Ciaran von Clonmacnoise, Brendan der Seefahrer und Columba, der spätere Abt von Iona, dort zeitweise aufgehalten haben.

Dass auf dem (Mini-)Athos des Westens heute nur noch Ruinen zu finden sind, liegt – wie eigentlich überall in Irland – an den Verwüstungen der Wikinger und der Soldaten Cromwells, die aus den Steinen des Klosters eine Festung bauten und die verbliebenen Mönche dort ins Verlies sperrten. Rund um die kleine Kirche sollen neben Enda selbst 120 Heilige beerdigt sein.

Kategorien: Theologie

Sterbliche Seelen und ewiges Leben

Mo, 13/05/2013 - 14:30

Als Dallas Willard letzte Woche starb, habe ich mich erinnert an das Gespräch mit einigen Freunden während der Wochen über Tod und ewiges Leben. Unter anderem kamen wir auf den traditionellen Leib-Seele-Dualismus, nach dem die Seele das ist, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn der Körper stirbt und verwest. Die immaterielle “Seele” ist zugleich das Ewige, der Leib das offenkundig Vergängliche.

Platon, von dem dieses Modell stammt, hatte sich die Seele feinstofflich vorgestellt, für ihn handelte es sich um eine Substanz. Heute wissen wir, dass es so nicht funktioniert. Es wird überhaupt zunehmend schwerer, diese dualistische Sicht des Menschen aufrecht zu erhalten. Unsere ganze Person ist leiblich. Alle unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken, Bewusstsein und unbewusstes, unser Selbst oder wie man das auch nennen mag, existiert in einer verleiblichten Form und kann davon höchstens gedanklich abstrahiert werden, aber nicht gelöst. Dallas Willard hingegen hatte “Seele” als die Gesamtheit der geistleiblichen Existenz des Menschen samt aller Beziehungen bestimmt – das Lebewesen samt Bewusstsein und aller Verhältnisse in die Welt hinein. So ganzheitlich verstanden ist “die Seele” – der Mensch – also keineswegs ewig, sondern eminent sterblich. Ohne Leib gibt es kein Weltverhältnis mehr.

Eine verbreitete Gegenposition zu Platon wäre nun, mit vielen anderen zu sagen, das Ganze ließe sich auf rein materielle neurobiologische Prozesse reduzieren und wäre dann mit dem Abbruch der Körperfunktionen auch erledigt. Dann wäre der Tod das unwiderrufliche Ende der Person, alle Nahtoderfahrungen Illusion und der Horizont aller Hoffnung radikal begrenzt.

Der Glaube an die Auferstehung von den Toten liegt zwischen diesen Extremen und mutet uns einiges an Denkarbeit zu: Wenn nämlich die Seele keine Substanz ist, die ihre Hülle verlustfrei abstreift und in den Äther verschwindet, wie muss lässt sich dann das Weiterleben eines Menschen nach dem physischen Tod denken? Der Auferstandene wird in den Evangelien ja nicht als immaterieller “Geist” geschildert. Zugleich sah er offenbar anders aus als vorher – erst das, was er sagte, machte ihn identifizierbar.

Dallas Willard hat sinngemäß gesagt, der Mensch sei eine Abfolge bewusster Erfahrungen. Ich würde das ganz ähnlich sagen – das Wesentliche an mir ist meine Geschichte: meine Erinnerungen, was mich durch die die Beziehungen zu anderen erreicht hat und was umgekehrt bei anderen angekommen ist (also die geteilte Erinnerung). Ich könnte mir vorstellen, dass bis zur Auferstehung der Toten, die ja noch aussteht, diese Erinnerungen bei Gott (dem einzigen anderen Wesen, das sie lückenlos kennt) aufgehoben sind, bis sie in einer anderen Dimension, aber keineswegs außerhalb dieser (dann geheilten und vollendeten) Welt, leiblich auf den Plan treten. Auch wenn ein technischer Vergleich zwangsläufig hinkt: Gott hätte so gesehen ein “Backup” meines Lebens und Bewusstseins in seiner Erinnerung, das irgendwann auf neuer, kompatibler “Hardware” wieder “lauffähig” ist. Freilich haben wir (zumindest wenn wir vergessen, dass es nur eine Metapher ist) statt eines Leib-Seele-Dualismus den von Soft- und Hardware.

Eine offene Frage ist dabei noch, wie es sich mit der Zeit verhält. Vielleicht gibt es auch gar kein subjektiv erlebbares Intervall zwischen “jetzt” und “dann” – so wie man ja auch nicht weiß, wie lange man geschlafen hat, bevor man wachgeküsst wurde; oder weil die Lücke nur aus unserer Perspektive linear ablaufender Zeit im dreidimensionalen Raum entsteht und unter den Bedingungen der neuen Welt (oder wie Tom Wright gern sagt: im “Leben nach dem Leben nach dem Tod”) andere Gesetze gelten. Vielleicht besteht also zwischen dem “entkleidet werden” und dem “überkleidet werden”, von dem Paulus in 2.Kor 5 schreibt, gar kein so großer Unterschied?

Kategorien: Theologie

Spruch des Tages (25)

Sa, 11/05/2013 - 09:47

Die Zeiten ändern sich – ist es prinzipienlos, darauf zu reagieren? Oder spricht daraus nicht eine gewisse Demut?

Der Konservative Wolfgang Schäuble in der Zeit

Kategorien: Theologie

Rufer in der Wüste

Fr, 10/05/2013 - 10:26

Die SZ interviewt den Klimaforscher Lutz Wicke. Der zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft und beklagt das Versagen seiner Zunft – nicht bei den Prognosen, die werden immer verlässlicher, sondern dabei, sich ganz nachdrücklich für konkrete und verbindliche Maßnahmen zum Klimaschutz einzusetzen und dabei persönliche Eitelkeiten zurückzustellen oder auch Gegenwind in Kauf zu nehmen. Ähnlich enttäuscht ist er von den Politikern, die bestens informiert sind und bestenfalls halbherzige Entschlüsse fällen, die keine wirkliche Lösung des Problems bringen.

Die Wüste, in diesem Fall die aus Sand und Steinen, wird sich diesem Rufer zufolge in den kommenden Jahrzehnten drastisch vergrößern. Eine globale Erwärmung von vier Grad würde für den Mittelmeerraum eine Steigerung von acht Grad bedeuten und hätte katastrophale Folgen. Freilich werden das nun viele als Alarmismus und Hysterie abtun oder hoffen, dass Gott den jüngsten Tag gegebenenfalls vorzieht – man kann unter vielen cleveren Vorwänden den Kopf in den Sand stecken (kaum jemand tut das freilich dreister als Mark Driscoll, der findet, richtige Männer hätten Spritschleudern zu fahren und Gott würde am Ende sowieso alles verbrennen).

Wicke dagegen bleibt bei seinem apokalyptischen Ausblick, er will, dass wir die Entwicklung zu Ende denken und rechtzeitig reagieren:

… inzwischen sind die größten Schwierigkeiten vom Anfang der Klimaforschung überwunden. Auch im nächsten Sieben-Jahres-Bericht des Weltklimarats IPCC wird es sicher wieder leichte Korrekturen früherer Prognose geben. Aber die Gewissheit, wie es weitergehen wird, wird dann noch größer. Und wir können damit rechnen, dass er die schlimmen Befürchtungen, die auch Weltbank und IEA hegen, bestätigen wird. Bei business as usual wird es demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Steigung der Temperatur um sechs Grad bis 2100 geben. Dadurch werden die Lebensräume für Milliarden von Menschen zerstört. Und was danach kommt, daran wagt schon kein Mensch mehr zu denken.

Kategorien: Theologie

Tod, Leid und Werbung

Do, 09/05/2013 - 13:52

Es war gut gemeint und aufrichtig empfunden, und dennoch war ich gestern seltsam unangenehm berührt vom Bild einer Umarmung, in der ein totes Paar aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik an Bangladesh geborgen wurde. Ein Freund hatte den Link auf Facebook “geteilt”. Irgendwer vor Ort hatte rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt und das Bild veröffentlicht – mit riesiger Resonanz.

Klar kann man mit einem solch unter die Haut gehenden Bild nun für ehrenwerte politische Ziele werben. Aber es ist eben trotzdem Werbung. Worte für meinen Widerwillen fand ich kurz darauf bei Carolin Ströbele auf Zeit Online. Sie kritisiert den Ansatz, mit sehr persönlichen Bildern Einfluss nehmen zu wollen:

All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich. Die Fotografie als soziales Gewissen funktionierte spätestens zu dem Zeitpunkt nicht mehr, als die Werbung den Begriff der Authentizität für sich entdeckte.

Das Bild hatte nicht mein ästhetisches Empfinden, sondern mein Empfinden von menschlicher Würde verletzt, selbst wenn das vermutlich niemand beabsichtigte. Wäre es nur hässlich oder schockierend gewesen, hätte es keine Zärtlichkeit gezeigt, läge die Sache wohl anders.

Kategorien: Theologie

Danke, Dallas!

Do, 09/05/2013 - 10:15

Dallas Willard ist gestern im Alter von 77 Jahren gestorben. John Ortberg hat einen bewegenden Nachruf auf ihn verfasst. Für mich ist der Autor von The Divine Conspiracy (leider nicht ins Deutsche übersetzt!) einer der originellsten und tiefsinnigsten christlichen Denker unserer Zeit gewesen.

Für mich persönlich gehört er in die Top Ten zum Thema Spiritualität und Glaube. Für die vielen Anregungen, die ich durch ihn bekommen habe, bin ich unendlich dankbar. Vielleicht ist das ein guter Anlass, sein Verschwörungsbuch wieder aus dem Regal zu ziehen und noch einmal zu lesen.

Willard zitiert in seinem großen Werk über das Reich Gottes Dwight L Moody. Der hatte gesagt: Eines Tages werdet ihr hören, dass ich tot bin. Glaubt es nicht. Ich werde lebendiger sein als je zuvor.

Kategorien: Theologie

Weisheit der Woche: Für sich selbst sorgen

Mi, 08/05/2013 - 13:26

Für sich selbst zu sorgen ist nie ein Akt der Selbstsucht – es ist schlicht ein gutes Haushalten mit dem einzigen Geschenk, das ich habe, das Geschenk, mit dem ich auf diese Erde geschickt wurde, um es anderen anzubieten. Jedesmal, wenn wir auf das wahre Selbst hören können und ihm die Fürsorge angedeihen lassen, die es braucht, tun wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für die vielen anderen, deren Leben wir berühren.

Parker Palmer

Kategorien: Theologie

Herzensglaube

Di, 07/05/2013 - 12:56

Ich bin immer noch oder immer wieder mal an Iain McGilchrists Thesen zur Funktionsweise menschlichen Denkens und unserer Kultur dran. Er unterscheidet den Zugang, den die rechte und linke Hemisphäre zur Wirklichkeit pflegen. Die linke Hemisphäre hat die Aufgabe, Details zu isolieren und zu fokussieren, und dabei wird der Gegenstand objektiviert, verdinglicht, instrumentalisiert. Hier geht es darum, die Umwelt für die eigenen Zwecke zu nutzen, den Nutzen quantitativ zu bewerten, Zugriff zu bekommen, die wahrgenommenen Gegenstände zu manipulieren. Dazu wird eine mechanistische und reduktionistische Sicht der Dinge angewandt, die in bestimmten Situationen sehr effizient sein kann. Buber würde das den Ich/Es-Modus nennen. Das Subjekt-Objekt-Gefälle führt zur Präferenz von linearen Ursache-Wirkungs-Relationen, von zeitlosen, allgemeinen, statischen und abstrakten Satzwahrheiten. Es erkennt lieber Bekanntes als sich mit Neuem zu befassen. Er lebt in seinen “Definitionen”, “Prinzipien” und ist verliebt in Mechanismen aller Art. Er schafft ein Klima, in dem die Seele verarmt und häufig auch erkrankt. Fulbert Steffensky sagte jüngst in der taz: “Man wird nur stark und reich am Fremden. Am Anderen.”

Entsprechend denkt die rechte Hemisphäre in Ich/Du-Relationen. Sie erkennt ihre Umwelt als etwas Lebendiges (und damit sich dynamisch entwickelndes, stets in Veränderung Begriffenes), sie kommuniziert in Bildern, Metaphern und Geschichten, sie zieht das Individuelle und Konkrete dem Allgemein-Abstrakten vor (unsere Fähigkeit zur Gesichtserkennung sitzt rechts), statt der Details steht das Ganze mit seiner Gestalt, den unverwechselbaren Mustern und der individuellen Anordnung im Mittelpunkt. Die rechte Hemisphäre hat besseren Zugang zu den körperlichen Empfindungen, sie denkt leiblich, sie zieht die erfahrbare Realität den gedachten, konstruierten und virtualisierten Modellen vor, die von links kommen. Daher entdeckt sie Inkongruenzen und Täuschungen, während die linke Hemisphäre lieber den Buchstaben und Idealen vertraut als den Sinnen. Weil sie, auf sich allein gestellt in einem geschlossenen, selbstreferenziellen Zirkel funktioniert, ist jede Infragestellung von außen schon eine Bedrohung des Ganzen.

So viel zur Rekapitulation. Wenn unser Denken gut funktioniert, beginnt es rechts, bewegt sich dann nach links, um eine bestimmte Frage eingehender zu betrachten, und kehrt dann wieder nach rechts zurück. Es beginnt mit dem Du, der Begegnung und der Erfahrung, mit der Ahnung und dem Gespür, mit der Öffnung für den Anderen, Fremden. Erst dann kommt der Schritt, dass zögernd Glaubensaussagen und -Sätze aufgestellt werden.

Da wo dogmatische Formeln und Regeln aber die Begegnung zu er-sätzen drohen, wo Glaube mit Zustimmung zu (freilich nur vermeintlich) zeitlos gültigen und vom konkreten geschichtlichen Kontext weitestgehend bereinigten Lehraussagen oder quasi-naturwissenschaftlichen “Tatsachen”behauptungen verwechselt wird, wo ein geschlossenes System von Wahrheiten entsteht, die von jeglicher Erfahrung abgekoppelt werden können, wo man also links beginnt und endet, da entsteht ein Kopfglaube, der sich in seinen eigenen frommen Hirngespinsten verliert und meist in eine lebensfeindliche Enge mündet, denn aus den Lehr-Sätzen des Propositionalismus werden leicht Ge-Sätze, die (auch wenn das anders deklariert wird) nicht mehr viel “Geistliches” und damit Lebensspendendes an sich haben. Man erkennt die “Irrlehre” immer nur im Fremden und anderen. Auch deshalb, weil einem durch das dualistische Denken, das alles in Schwarz und Weiß einteilt, der Zugang zu den eigenen Ambivalenzen nicht mehr möglich ist. Dafür werden alle Widersprüche ins Gottesbild verschoben: Je souveräner und abgehobener Gott dargestellt wird, desto janusköpfiger erscheint er auch, wenn er etwa mit der gleichen Inbrunst den einen in den Himmel und den anderen in die Hölle schickt.

Echter Herzensglaube (den es durchaus auch auf einem beachtlich hohen theologischen Reflexionsniveau gibt) kann dagegen gut damit umgehen, dass sich das Leben nicht den Formeln und Gesetzen fügt, dass Zweifel und Widersprüche zum Menschsein dazu gehören und nicht verdrängt oder gar beseitigt werden können. Er lebt nicht in einem “bibeltreuen” Kartenhaus von Propositionen, das einstürzt, wenn man irgendwo ein Element entfernt. Er lebt mit Poesie, Bildern und Geschichten, die keine VorSchriften sind, sondern zu einem neuen Blick und einer anderen Lebenshaltung führen; die Spielräume eröffnen, in denen Veränderung möglich wird. Der Herzensglaube kann, wie Luther einmal pointiert sagte, durchaus auch “Christus gegen die Schrift” treiben und den Geist über den Buchstaben stellen, sich also mit dem Menschensohn über religiöse Grenzen und Vorschriften hinwegsetzen, um der Liebe und der Barmherzigkeit zu ihrem recht zu verhelfen, und er wird dafür auch Leid und Anfeindung in Kauf nehmen. Vielleicht wird er situativ auch die eine oder andere Fehlentscheidung treffen, aber selbst das Scheitern hat bei Gott seinen Platz und seinen Sinn: auch die dunklen Töne gehören zur Symphonie des Lebens.

Herzensglaube braucht keine Lehrgebäude, die für die Ewigkeit unverrückbar stehen. Er lebt fröhlich mit allerlei Provisorien, die es ihm erlauben, in Bewegung zu sein. Er ist keineswegs beliebig, aber er hat auch keine Berührungsängste gegenüber anderen Konfessionen, Religionen und Positionen; er lässt sich allerdings auch nicht mehr ins Gefängnis begrifflich fixierter Gewissheiten locken und wird sich gegen Vereinnahmungsversuche aus dieser Richtung durchaus auch leidenschaftlich zur Wehr setzen. Daher irritiert jede Form von Mystik die Wächter der durchgezogenen Linien so gewaltig, weil sie Menschen von der Bevormundung durch Regelwerke und Hierarchien befreit.

Wenn Herzensglaube zur Theologie wird, dann funktioniert das, indem man mit Gottvertrauen den Weg in die Weite beschreitet, wie David Bentley Hart in The Beauty of the Infinite so treffend sagt:

Theologie ist keine Kunst, die von der Geschichte auf die Ewigkeit abstrahiert, von Fakten auf Prinzipien, sondern eine, die – unter dem Druck der Geschichte, die zu interpretieren sie aufgerufen ist – entdeckt, wie die Sphäre ihrer Erzählung sich in immer größere Dimensionen des Offenbarten hinein ausdehnt, die Linie zwischen dem Geschöpflichen und dem Göttlichen überschreitet (…), weil diese Linie schon überschritten ist, nicht symbolisch, sondern tatsächlich, in der konkreten Person und Geschichte Jesu.

Herzensglaube ist also nicht Gefühlsduselei, aber er ist eben auch nicht gefühlsvergessen. Er weiß, dass uns die Wahrheit nicht in Worten begegnet, sondern personal, und wie jede Person wahrt die Wahrheit auch ein Geheimnis, das nicht vollständig aussagbar ist, sondern implizit bleiben muss. Und er weiß, dass diese Begegnung uns verändert und auf einen Weg schickt, der für jeden ein bisschen anders aussieht, dass dieser Weg schließlich auch oft mehr mit offenen Fragen als eindeutigen Antworten zu tun hat und daher mehr mit Vertrauen als mit kodifizierbarem Wissen.

Daher ist der Herzensglaube auch nichts Rückwärtsgewandtes, krampfhaft Konservatives, das einmal gewonnene Erkenntnisse für die Ewigkeit festschreiben will. Er kann loslassen und neu finden. Auch deshalb brauchen wir mehr davon: Es ist der Glaube der Pilger und Pioniere.

Kategorien: Theologie

Weisheit der Woche: Echte und falsche Tugenden

Fr, 03/05/2013 - 19:09

Nichts gegen Einsatz, Spielfreude, Biss, Entschlossenheit oder gar ein bisschen Ehrgeiz, aber das ewige Gier-Gelaber im Fußball ist mir schon seit Monaten auf die Nerven gegangen.

Nun scheint sich vielleicht doch eine andere Tugend oben auf der Hitliste zu etablieren, und diesmal wäre es eine echte, wie Christian Eichler in der FAZ online spekuliert – jetzt muss man damit nur noch nachhaltig Ernst machen:

Als die Dortmunder in den vergangenen beiden Jahren Meister wurden, prägten sie mit ihrem bissigen Spiel das neue Modewort der Liga: Gier. Jeder wollte seitdem „gierig“ spielen, auch die Bayern. Im Zusammenhang mit dem Fall Hoeneß hat das Wort seine wahre Bedeutung zurück erlangt. Prompt haben die Bayern ihrer angeblichen Einstellung, mit der man auch als Favorit in ein Spiel gehen will, ein neues Schlagwort verpasst – diesmal ein ethisch einwandfreies. Bayern-Vorstandschef Rummenigge sprach es kürzlich aus: Demut.

Kategorien: Theologie

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Fr, 03/05/2013 - 11:19

Unter der schönen Rubrik her•meneutics von Christianity Today setzt Rachel Pietka sich mit den jüngsten Aussagen von John Piper, Galionsfigur der Gospel Coalition und notorischer Vertreter des sogenannten Komplementarismus, auseinander. Piper hatte argumentiert, er könne zwar nicht dulden, dass Frauen Männer in persona unterrichten, aber man könne ruhig Bibelkommentare von Frauen lesen.

Was zunächst nach einem vorsichtigen Zurückrudern aussieht, offenbart in Wirklichkeit das zentrale Dilemma dieses fromm verkleisterten Sexismus: Denn es ist der weibliche Körper, der durch das “neutrale” Medium Buch entfernt wird, an dem für Piper alles hängt:

Piper’s affirmation, consequently, of women who teach indirectly and impersonally shows his overt rejection of and implicit obsession with women’s bodies. He makes it seem impossible that a man could listen to a woman’s biblical insights in her presence without being distracted by her femininity. Although Piper would likely condemn the pervasive plastering of sexualized images of women on television, magazine covers, and billboards, his resolve to hide their bodies perpetuates, rather than challenges, their objectification. It teaches men to fixate on women’s bodies.

Ich spare mir hier die ausführliche Übersetzung, aber Pietka trifft meiner Meinung nach voll ins Schwarze, wenn sie feststellt, dass Piper auf den weiblichen Körper fixiert zu sein scheint und damit Frauen im Grunde doch weitgehend auf ihr Äußeres und auf ihre Sexualität reduziert. In dieser Hinsicht entspricht er der männlichen Objektivierung von Frauen eher, als dass er sie überwindet.

Ob Piper ihren Text lesen wird, ist fraglich. Er hatte in dem Podcast, auf den Pietka sich bezog, offenbar auch erwähnt, dass er Kommentare von Frauen dann weglegen würde, wenn er das Gefühl hätte, dass er deren Autorität erliegen könnte. Sonst hätte ich vorgeschlagen, Pipers Antwort in der Rubrik hormoneutics unterzubringen…

Kategorien: Theologie

“Sünde” ist überbewertet

Mi, 24/04/2013 - 08:05

Neulich unterhielt ich mich mit einem Freund, der Theologie unterrichtet. Er hatte sich gerade mit dem Begriff “Vergebung” beschäftigt und dabei festgestellt, das Thema kommt in den Evangelien (und im Neuen Testament überhaupt) zwar immer wieder einmal vor, aber längst nicht so oft, wie man das meinen könnte, wenn man manchen theologischen Traditionen unteren Verkündigen zuhört. Jesus ist keineswegs ständig dabei gewesen, Menschen ihre Sünden zu vergeben. Stattdessen hatte fast alles, was er tat und sagte, mit dem Kommen des Reiches Gottes zu tun und mit dem Stichwort der Gerechtigkeit.

Das traf sich gut, denn mir war es mit dem Begriff “Sünde” ähnlich gegangen vor einiger Zeit. Im Neuen Testament kommt, wenn meine Software das richtig anzeigt, der griechische Begriff “hamartia” 173 mal vor, in 150 Bibelversen. Allerdings nur ganze 41 mal in den vier Evangelien, 24 mal in den synoptischen Evangelien. Davon macht die dreifach erzählte Heilung des Gelähmten knapp die Hälfte aus, dazu kommt dann das Vaterunser und das Kelchwort beim Abendmahl und darüber hinaus bleibt nicht mehr viel übrig, wenn man die Länge der Texte bedenkt.

Im Römerbrief dagegen fällt das Wort Sünde 48 mal – ein gutes Viertel also und damit einsame Spitze im Neuen Testament. Der Hebräerbrief schlägt mit 25 Erwähnungen zu Buche, zusammen macht das 42% aus. Und es sind nun eben der Römer- und der Hebräerbrief, auf die sich zum Beispiel unsere Theologien des Sühnopfers stützen, genauso wie die Anschauung, dass die Erlösung von der Sünde (und dies nun verstanden als individuell zu verantwortendes, schuldhaftes und strafbedrohtes moralisches Versagen) das zentrale Problem sei, für das Bibel und Christentum eine (exklusive) Lösung anzubieten hätten (und manche konservative Stimmen würden hinzufügen: Für nichts anderes als dafür!).

Tom Wright hat immer wieder einmal darauf hingewiesen, dass wir, wenn wir Paulus und das Neue Testament nicht vom Römer- sondern zum Beispiel vom Kolosser- und Epheserbrief her lesen würden, vielleicht zu ganz anderen Verhältnisbestimmungen kämen. Zudem bietet Wright auch eine großartige Rückbesinnung darauf, was die Rede von “Sünde” (und “Sündern”) im Judentum zur Zeit Jesu bedeutete und inwiefern Sünde damals als Problem betrachtet wurde.

Jesus und außerhalb des Römerbriefes auch Paulus haben also nicht annähernd so oft über Sünde gepredigt, wie das in der Tradition des Spätmittelalters und der Reformation, weiten Teilen des Pietismus und vor allem der Heiligungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts geschah. Dass das Wort fehlt, muss nicht unbedingt bedeuten, dass auch die Sache nie in den Blick kommt. Menschliches Scheitern, Zerbrochenheit, Verlorenheit und sogar Bosheit werden immer wieder thematisiert, vor allem aber Gottes Antwort auf diese Misere.

Dallas Willard hat in The Divine Conspiracy gefrotzelt, das Evangelium des “Sündenmanagements” (von dem es eine konservative und eine liberale Variante gibt) führe zu einem “Vampirchristentum”, das nur an Jesu Blut interessiert sei, nicht jedoch an der Nachfolge Christi und der Umgestaltung des Selbst durch Gottes Geist mitten in einer instabilen Welt.

Im apostolischen Glaubensbekenntnis, das ja durchaus einige theologische Leerstellen enthält, erscheinen die Begriffe Sünde und Vergebung ganz am Schluss. Ursprünglich war das ja ein Leitfaden für die Bibellektüre. In dieser Hinsicht vielleicht kein ganz schlechter. Wenn wir das Thema Sünde und Vergebung einen Augenblick zurückstellen und es nicht zwanghaft überall hineinlesen, wo es weder der Begrifflichkeit noch der Sache nach erscheint, dann entdecken wir möglicherweise viele spannende Aspekte von Gottes Handeln, die uns bisher gar nicht so richtig aufgefallen sind.

Den Versuch wäre es allemal wert!

PS: Bevor jetzt die Kommentare all derer losgehen, die falsche Umkehrschlüsse lieben – ich habe nicht gesagt und auch nicht impliziert, dass (1.) Sünde kein Thema im NT ist, (2.) Vergebung überflüssig, (3.) das Kreuz sinnlos. Ich stelle nur in Frage, ob (1.) Sünde und Vergebung die bestimmenden oder gar (2.) einzig legitimen Kategorien sind, in denen Gottes Handeln in Christus beschrieben werden sollte.

Kategorien: Theologie

Geglückte Verbindung

Mo, 22/04/2013 - 14:52

Am gestrigen Sonntag haben wir Konfirmation und Taufe gefeiert. Beides in einem Gottesdienst unterzubringen war eine interessante Herausforderung, aber wir haben uns in den Gesprächen mit den noch nicht getauften Jugendlichen und ihren Familien dagegen entschieden, um der einheitlichen Erscheinung willen schnell noch eine Taufe kurz vor der Konfirmation anzubieten.

Alles andere, da waren wir uns einig, wäre ein problematisches Signal, denn es würde die Taufe de facto auf eine Zugangsvoraussetzung zur Konfirmation reduzieren. Aber die Taufe ist das Eigentliche, die Konfirmation deren Aktualisierung. Und es wäre doch ziemlich merkwürdig, bewusst getaufte Jugendliche ein paar Tage später zu fragen, ob das denn wirklich ihr Ernst war. Nicht nur ich fand gestern, es hat dem Konfirmationsversprechen der KonfirmandInnen einen wunderbaren Bezugspunkt gegeben, dass ihm zwei Taufen (mit richtig viel Wasser…) vorausgingen.

Wir sind damit sicher nicht die einzigen, aber anscheinend eine Minderheit: Die Website der EKD stellt den theologischen Zusammenhang zwar zutreffend dar, erwähnt dann jedoch die verbreitete Inkonsequenz in der Praxis (nebenbei: etwas unpassend fand ich, dass in dem Textabschnitt durchgängig von “Kind” die Rede ist). Das Thema hat also noch Entwicklungspotenzial:

Die Konfirmation ist die Bestätigung der Taufe. Wenn das Kind nicht getauft ist, so wird das Kind in der Regel am Ende des Konfirmandenunterrichts getauft; eine Bestätigung der Taufe, also die Konfirmation, ist dann nicht mehr notwendig, da das Kind ja schon selber Ja zu der Taufe gesagt hat. In der Praxis wird das Kind dennoch oft vor der Konfirmation getauft.

Kategorien: Theologie

Stalin, Hitler und die Hölle

Sa, 20/04/2013 - 20:48

Anscheinend ist das Thema “Hölle” immer noch ein mächtiger Aufreger für viele Christen. Um sicherzustellen, dass die Ewigkeit nicht von Krethi und Plethi bevölkert wird, weil die strengen Zugangsvoraussetzungen von allzu liberalen Gutmenschen aufgeweicht werden, wird immer wieder mal angemerkt, dass am Ende auch noch Hitler und Stalin im “Himmel” auftauchen könnten, weshalb man in dem Fall selber gar nicht mehr da hin will. Ich nenne das mal den Monster-Trick.

So weit, so gut. Ich wüsste noch ein paar Namen von Leuten, denen ich lieber nicht begegnen würde. Je länger nicht drüber nachdenke, desto mehr fallen mir ein für die Monster-Liste. Nur: Wo ist die Grenze? Und ist mein netter, aber vermeintlich gott-loser Nachbar nun näher an mir oder näher an den Monstern? Es geht ja gar nicht um diese Grenzfälle, sondern um die Milliarden unspektakulärer Individuen, die schon erwähnte “massa damnata”,

Auf der anderen Seite haben viele die Blüten, die der theologische Exklusivismus hier und da so treibt, dermaßen satt, dass sie der Kirche insgesamt den Rücken kehren, die für sie zum Hort der Bigotterie und Intoleranz geworden ist. Von einer solchen Geschichte erzählte neulich Peter Rollins. Einer seiner Freunde erklärt seinen Abschied vom organisierten Christentum mit einer Parabel: Er kommt an der Himmelstür an, Petrus überprüft seine Identität und will ihn hereinlassen, da fällt sein Blick auf seine Freunde. Ob die auch hinein dürfen? Petrus schüttelt den Kopf. Dann, so der Freund, ziehe er es vor, auch draußen zu bleiben. Petrus strahlt ihn an und beglückwünscht ihn zu dem Entschluss.

Es ist freilich eine konstruierte Geschichte, die auf diese sympathische Pointe hinausläuft. Immerhin: Jesus hat selbst den “Himmel” verlassen um all der Menschen, ja der ganzen Welt willen, die Gott liebt. Wie sollten wir ihm da nicht nacheifern?

Die Szene an der Himmelstür, wo man sich in Ruhe informieren kann, wer nun drin ist und wer nicht, und sich dann selber entscheiden, ob Gottes Auswahl einem nun zusagt oder nicht, wird es freilich nicht geben. Die Entscheidung, wie ich zu Gott und anderen Menschen stehe, treffe ich heute. Sich von einer Organisation zu distanzieren (oder ihr entschieden zu widersprechen!), die den Großteil der Menschheit mehr oder weniger verklausuliert in die Kategorie “Monster” einstuft, kann dabei ein sinnvoller Schritt sein.

Letzten Endes aber bedeutet es, auf das Urteil in dieser Frage überhaupt zu verzichten, keine end-gültige Ausgrenzung vorwegzunehmen und zu akzeptieren, dass ich nicht Gott spielen kann – für niemanden. Wer sich damit schwer tut, kann ja mal drüber meditieren, wie es wäre, tatsächlich im “Himmel” einem Hitler oder Stalin zu begegnen. Einem, der dort all die positiven Möglichkeiten verwirklicht, die er in seinem “irdischen” Leben ausgelassen hat. Einen, der in all das Gute hineinwächst, das Gott ihn ihm angelegt hatte.

Man muss ja nicht gleich eine Theologie draus machen. Als Herzensübung ist das jedoch gar nicht so schlecht. Denn wenn Gott so etwas mit Hitler gelingen könnte, was wäre dann mit meinen ganz persönlichen Intimfeinden – oder gar mir selbst?

Kategorien: Theologie

Die Hölle der anderen?

Do, 18/04/2013 - 09:14

Am vergangenen Wochenende hat Paul Zulehner die Universalität der biblischen Heilszusagen angeschnitten. Es geht Gott um nichts weniger als die Erlösung der Menschheit, und nicht einer kleinen Schar von Erwählten (während der Rest als massa damnata in der Hölle brutzelt). Seit Augustinus († 430) ist ersteres die Mehrheitsposition der westlichen Christenheit gewesen, mittlerweile ist aber einiges in Bewegung geraten.

Es lohnt sich, bei dem Thema zu verweilen: Der theologische Exklusivismus funktioniert nach der Formel “Wir kommen in den Himmel, die anderen nicht”. So schroff wird das selten formuliert, aber die Position wird ja doch in der Regel von denen vertreten, die relativ sicher wirken, dass sie der richtigen Religion (und natürlich Konfession) angehören und damit qualifiziert sind für die Zukunft in der lichtdurchfluteten Hälfte des durch einen breiten Graben geteilten Jenseits.

Dass diese Heilsgewissheit entgegen aller Beteuerungen immer auch mit irgendeiner Form von Leistung zu tun hat, zeigt sich daran, dass auf jede kritische Anfrage an den Exklusivismus die stereotype Antwort kommt, andernfalls sei ja erstens alle Mission für die Katz und zweitens gehe die Moral den Bach runter, weil sich niemand mehr anstrengen würde. Das tatsächliche Vorhandensein der jenseitigen “Hölle” wird so zum objektiven wie subjektiven Grund christlicher Mission. Objektiv, weil der doppelte Ausgang des göttlichen Gerichts schon jetzt fest steht, und subjektiv, weil nur der, der die Dringlichkeit der katastrophalen Lage der Anderen verinnerlicht hat, alle Kräfte dafür aufbieten wird, die Sünder umzustimmen. Alles andere liefe in dieser theologischen Konstruktion auf unterlassene Hilfeleistung hinaus, die selbst wieder zum Ausschluss führen müsste. Den ersten Christen scheint das eher fremd gewesen zu sein.

Reichlich unklar bleibt freilich, wie jemand, der das ernsthaft glaubt (nur um nicht missverstanden zu werden: die allermeisten Exklusivsten sind sehr nette und zum größeren Teil auch kluge Menschen!), überhaupt noch ruhig schlafen kann, denn alle Mühen sind augenscheinlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein und jede Nacht könnte theoretisch jemand sterben, dem ich das Evangelium schuldig geblieben bin. Verständlich also, wenn man versucht sein sollte, um des vermeintlich guten Zwecks willen auch mal zu fragwürdigen oder recht drastischen Mitteln zu greifen. Zumindest ergibt sich das Problem, anderen permanent ihre echten oder vermuteten moralischen Defizite vorhalten zu müssen, derentwegen ihnen die gerechte Verbannung in die äußerste Finsternis droht (ein passabler Ausweg aus dem Dilemma wäre die Lehre von der doppelten Prädestination, denn die erlaubt es, fröhlich an der eigenen exklusiven Erwählung festzuhalten ohne sich über den gottgewollten Verlust der vielen anderen zu grämen und das alles noch als Akt vollkommener Gnade zu feiern). Vielleicht sollte man das theologisch zutreffender als “Teilversöhnung” bezeichnen. Donald Miller kommentierte treffend: “If the religious fundamentalists are right, heaven will be hell. And almost nobody will be there.”

Exklusivsten nämlich bezeichnen den Widerspruch gegenüber ihrer Position mit dem Kampfbegriff “Allversöhnung”. Nicht nur jene, die richtig glauben, werden nach dieser Vorstellung erlöst, sondern alle Menschen. Jesus ist nicht nur für wenige Erwählte gestorben, sondern für die von Gott geliebte Welt und Menschheit. Während Exklusivisten vielfach Himmel und Hölle zum Glaubens- und Bekenntnisgegenstand erheben und ausgiebig zum Thema christlicher Doktrin machen, die ihrerseits vornehmlich Gewissheiten begründen soll, liegt bei vielen der “Allversöhnung” beschuldigten Theologen die Sache ein bisschen anders. Hans Urs von Balthasar hat in seinem “Kleinen Diskurs über die Hölle” unter anderem zwei Dinge herausgestellt: Christen sind zum Festhalten an der Hoffnung gerufen, dass Gottes Heil am Ende alle Menschen erreicht, und zugleich müssen sie die Warnungen der Bibel, dass dieses Heil kein bloßer Automatismus der Weltgeschichte ist, und man Gottes Ziel für das eigene Leben verfehlen kann, für sich persönlich ganz ernst nehmen. Diese Mahnungen wirken einer gnadenlosen Selbstgefälligkeit entgegen, während jene Hoffnung für die anderen den Horizont der Gnade ganz weit offen hält.

Denn eine “Allversöhnung”, die lediglich darin bestünde, dass Gott aus einer müden Laissez-faire-Nettigkeit heraus alles ignoriert, was Menschen einander und ihren Mitgeschöpfen antun, die das Problem des Leidens und menschlicher Bosheit nicht ernst nähme (und damit auch die Opfer derselben), wäre auch keine gute Nachricht für die Welt. In der Fortschrittseuphorie des 18. und 19. Jahrhunderts war es vielleicht noch denkbar, dass diese düsteren Seiten der Menschheit sich irgendwann erübrigen. Heute ist niemand mehr so naiv. Ebensowenig kann es ja um einen “Zwangshimmel für alle” gehen, wie Steve Turner einmal spöttisch dichtete.

Einig waren sich jedoch, das hat jüngst Brian McLaren wieder betont, beide Richtungen bisher oft in der Annahme, dass es im Evangelium primär um die Frage der “Seelenrettung” geht, wo und wie der einzelne Mensch die Ewigkeit verbringt, und dass das Leben hier und jetzt vor allem im Blick auf jene Zukunft zu sehen und zu bewerten ist. Nun könnte man sagen, im Zweifelsfall gehen wir vom ungünstigeren Fall aus und freuen uns, wenn Gott großzügiger ist, als wir denken. Mit dem gleichen Recht kann man aber auch umgekehrt argumentieren, das strenge Gottesbild der exklusivistischen Verkündigung sei so negativ, dass es viele Menschen abstößt und damit das Gegenteil dessen erreicht, wozu es theoretisch da ist.

Wenn es aber zutrifft, dass Jesus die kommende Herrschaft Gottes im Sinne der jüdischen Prophetie als Befreiung Israels und der Welt aus der inneren und äußeren Versklavung unter zerstörerische Mächte verstanden hat, wenn die Auferstehung das Urdatum der Neuschöpfung ist, wenn es weniger darum geht, Menschen “in den Himmel” als den Himmel zu den Menschen zu bringen, wenn Jesu Gerichtsworte viel mehr von innergeschichtlichen als überzeitlichen Folgen destruktiven Verhaltens handeln, dann wird das Diesseitige nicht länger zugunsten des Jenseitigen abgewertet, das Soziale nicht mehr zugunsten des Individuellen, das Äußere, Politische nicht mehr zugunsten des Innerlichen und Religiösen. Der Bogen von der Schöpfung nur Neuschöpfung reicht an beiden Enden weiter als der von der Erbsünde zum Weltgericht. Dann verlangt das nach einer integralen Spiritualität aus Aktion und Kontemplation (oder, wie Paul Zulehner es nannte, Mystik und Politik), dann sind andere Weltanschauungen nicht in erster Linie Konkurrenz, die Menschen vom wahren Heilsweg ablenkt, sondern durchaus auch mögliche Partner in der Erwartung des Neuen. Dann muss ich an anderen Menschen nicht die Schatten und Schwächen finden und ans Licht zerren, sondern ich kann all das würdigen, was Gott schon Gutes geschaffen hat – und auf dieser Grundlage dann Probleme und Konflikte lösen.

Mission hieße dann, Menschen für diese Bewegung der Versöhnung und Umgestaltung zu mobilisieren, die ihnen vielleicht auf absehbare Zeit größere Unannehmlichkeiten bringt als vordergründigen Gewinn, weil die Saat des Guten langsam und ungleichmäßig verteilt heranreift und alles auf eine Zukunft hin angelegt ist, für die wir keine andere Garantie haben als die biblische Verheißung. Es hieße, diesen Himmel der Gegenwart Gottes im Gewöhnlichen und Unvollkommenen (das “Heil-Land”) auch jenen offen zu halten, die ihn missverstehen, verachten oder gar vernichten wollen. Es hieße aber auch, die vielen Höllen auf Erden zu bekämpfen und in Gottes Namen ihren Protagonisten und Nutznießern hartnäckig zu widerstehen. Die Kraft dazu werden Menschen nur schwerlich finden, wenn sie nicht bei Gott “eintauchen” und aus der Hoffnung und Kraft der Auferstehung schöpfen. Jürgen Moltmann hat die Alternative schön auf den Punkt gebracht:

Die Messiashoffnung kann in beiden Richtungen wirken: Sie kann das Herz der Menschen aus der Gegenwart abziehen und in die Zukunft setzen. Dann entleert die Messiashoffnung das gegenwärtige Leben, das Handeln, aber natürlich auch das Leiden an den gegenwärtigen Unterdrückungen. Sie kann aber auch die Zukunft des Messias vergegenwärtigen und die Gegenwart mit dem Trost und dem Glück des nahenden Gottes erfüllen. Dann erzwingt die messianische Idee gerade kein »Leben im Aufschub«, sondern ein Leben in der Vorwegnahme, in welchem alles schon in endgültiger Weise getan werden muss, weil das Reich Gottes auf die Weise des Messias schon »naheherbeigekommen« ist. (Der Weg Jesu Christi. Christologie in messianischen Dimensionen. S. 43)

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Beflügelnder Austausch

Mo, 15/04/2013 - 14:38

Etliche waren da, viele haben etwas versäumt und manche haben inzwischen schon nach den Mitschnitten gefragt: Am Wochenende hatten wir Paul M. Zulehner eingeladen, über Kirchenvisionen zu sprechen, und es gab viele begeisterte Rückmeldungen auf seine Vorträge hin.

Kein Wunder: Ich kenne wenige Theologen, die so wie er in der Lage sind, Menschen aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen und Konfessionen anzusprechen, mit verschmitztem Humor (“niemand ist davor gefeit, den eigenen Vogel mit dem Heiligen Geist zu verwechseln”), sprachlich-theologischer Präzision und geistlicher Poesie. Eine Art Rob Bell der katholischen Kirche, der übrigens große Hoffnungen auf den reformwilligen neuen Bischof von Rom setzt.

Zum Glück haben unsere rührigen ELIA-Techniker den Aufnahmeknopf gedrückt. Wer möchte, kann also alles noch einmal nachhören. Wir als Gemeinde und die Gäste von außen haben jedenfalls wieder Stoff zum Nachdenken und Umsetzen für die kommenden Jahre: Ökumenische Weite, Offenheit für die Veränderungen in unserer Gesellschaft und die konsequente Ausrichtung an Jesus und dem Evangelium vom Reich Gottes, um nur ein paar Punkte zu nennen.

Hier sind die Mitschnitte der drei Referate: Freitag, Samstag vormittag, Samstag nachmittag. Wer lieber liest als hört, wird hier fündig, und hat den Vorteil, dass die besprochenen Bilder und Grafiken dort mit abgedruckt sind.

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Neuer Ausblick

Fr, 12/04/2013 - 10:48

Miroslav Volf, Direktor des Yale Center for Faith and Culture, denkt in diesem kurzen Video in einfachen Worten nach über die Frage, was der Glaube an die Auferstehung an der Einstellung zum Leben verändert.

Something New from The Work Of The People on Vimeo.

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Kategorien: Theologie

Stiefmütter, Schwiegermütter und skandalöse Situationen

Di, 09/04/2013 - 11:35

Heinz Schilling schreibt in seiner Luther-Biographie von einem Zwischenfall zwischen Luther und Georg Spalatin, der nach seiner Zeit am kursächsischen Hof als Superintendent von Altenburg einem verwitweten Pfarrer erlaubte, die Mutter seiner verstorbenen Ehefrau zu heiraten. Luther machte dem früheren Freund daraufhin derart massive Vorwürfe, dass der in eine Angstdepression verfiel und Monate später starb.

Dass Luther so lospolterte, hat eine biblische Analogie: In 1.Korinther 5 tadelt Paulus die Gemeinde in Korinth dafür, weil sie duldete, dass ein Mann aus der Gemeinde mit seiner Stiefmutter liiert war. Es lässt sich aus dem Text selber nicht mehr rekonstruieren, ob der Vater gestorben, die Ehe zwischen Vater und Stiefmutter geschieden und die beiden eventuell sogar irgendwie rechtskräftig ein Paar waren. Ein Kommentator spekuliert zu der Stelle, es müsse ein Fall von ganz besonders schwerem Ehebruch vorgelegen haben, weil Paulus so heftig reagierte.

Aber vielleicht war das, wie Luthers Beispiel zeigt, ja gar nicht der Fall. Vielleicht hatte da tatsächlich nur einer die verwitwete Stiefmutter geheiratet oder heiraten wollen? Nach Deuteronomium 23,1 ist das an sich ein schweres moralisches Vergehen, und nach Paulus’ Darstellung war es das angeblich auch in den Augen der nichtjüdischen Welt.

Wenn sich das also so verhielt, dann ist das Spannende an diesen beiden Episoden ja dies, dass wir heute (und das zeigt ja schon das Postulat des Kommentators, da müsse doch noch mehr dahinter stecken!) die Aufregung in beiden Fällen nicht mehr verstehen und dass der gesellschaftliche Skandal, den Paulus an die Wand malt, bei uns gar nicht mehr zu befürchten wäre. Gewiss würde der eine oder andere den Kopf schütteln oder die Nase rümpfen, aber das war’s dann auch schon.

Wir bewerten manche Dinge heute anders. Anders als Luther, der von “Blutschande” (also Inzest) sprach, auch anders als Paulus. Es ist richtig und notwendig, dass wir das tun und uns ein eigenes Urteil bilden und dabei auch der veränderten Rechtslage Rechnung tragen. Ich weiß nicht, wie Dtn 23,1 im heutigen Judentum interpretiert wird – vermutlich gibt es dazu auch mehr als eine Meinung. Als Christen können wir solche Aussagen eben auch nicht einfach nur biblizistisch unmittelbar auf heutige Situationen übertragen, selbst wenn das bei Paulus noch möglich (oder gar kulturell angebracht) gewesen sein sollte.

Spalatin hat mutig entschieden und dafür einen hohen Preis bezahlt. Die Wittenberger wollten ihm jene evangelische Freiheit nicht zugestehen, die sie selbst (durchaus höchst umstritten) in Anspruch nahmen

So weit die Geschichte. Eventuelle Parallelen zur Gegenwart darf sich jeder selbst überlegen.

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Barmherziger ist gerechter

Mo, 08/04/2013 - 08:44

Eine Welle der Anteilnahme hat gestern die Nachricht ausgelöst, dass Rick Warrens jüngster Sohn sich das Leben genommen hat. Die Familie Warren, die für ihren Sohn lange gekämpft und mit ihm gelitten hat, hat das ebenso verdient wie viele andere, weniger bekannte Menschen, die mit dem Suizid eines Angehörigen zurecht kommen mussten und müssen. Die meisten von uns kennen betroffene Familien und wir alle ahnen, was für ein schwerer Schatten damit auf ihr Leben gefallen ist.

Freilich ist diese positive Anteilnahme in der Geschichte christlicher Moralvorstellungen ein relativ junges Phänomen. In früheren Zeiten wurden Selbstmörder nicht kirchlich bestattet oder zumindest nicht in “geweihter Erde”. Familien fürchteten die Schande und das böse Gerede der anderen und deshalb wurden viele Selbstmorde geleugnet oder vertuscht. Trauern musste man dann ganz heimlich. Heute schütteln wir – völlig zu Recht – darüber nur noch den Kopf.

Theoretisch kann man mühelos “biblisch” begründen, warum es eine Sünde ist, sich das Leben zu nehmen. Aber wird man damit der konkreten Situation und vor allem Motivation dessen gerecht, dem seine Lage womöglich so ausweglos erscheint, dass er keine andere Lösung findet? Und hilft man mit der kategorischen Verurteilung und der sozialen Ächtung einer solchen Tat (und damit auch der Person, die sie begeht und sich nicht mehr von ihr distanzieren kann) denen, die mit den Folgen leben müssen und sich ohnehin oft genug schon mitschuldig am Tod des geliebten Menschen fühlen?

Wie gesagt, das alles muss man zum Glück kaum noch jemandem erklären. Die Frage wäre, ob man diesen Fortschritt nun noch auf ein paar andere Situationen übertragen könnte, wo das mit der Annahme und Barmherzigkeit und dem Aussetzen des Urteils noch nicht so gut funktioniert.

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