Zur Friedensfestpredigt von Christian Führer am 8.8.2010 in St. Anna, Augsburg
Wann kann man so was schon in der Zeitung lesen? “Der Irrgarten ist nach oben offen! Wir brauchen den Aufblick zu Jesus.” Dank an Alois Knoller, dass er im Bericht über die Friedensfestpredigt des Leipziger Pfarrers Christian Führer, den gewaltfreien Revolutionär von 1989 so ausführlich zu Wort kommen lässt. Überschrieben war der Artikel so: “Aufruf zum Unmöglichen - Leipziger Pfarrer für mutige Veränderungen”. Er stand in der Augsburger Allgemeine Zeitung, Mo 9.8.10, S. 13
Christian Führer erinnerte an das “Wunder biblischen Ausmaßes” von Leipzig 1989. Die Demonstrationen und der Ruf “Keine Gewalt!” dienten ihm als Beispiel für mögliche weitere Wunder, wenn wir uns auf den Weg Jesu machen. Etliche Mennoniten unter den Zuhörern hätten noch lauter geklatscht, wenn nicht nur immer von “beiden Kirchen” die Rede gewesen wäre.
Führers “Ruf nach neuer Wirtschaftsform” schaffte es sogar auf die Titelseite. Die Überwindung der ungerechten Weltwirtschaftsordnung mag viel schwieriger zu bewerkstelligen sein, als der Sturz einer schon bröckelnden Diktatur. Doch, wer weiß, wohin die “JESUS-Mentalität des Teilens” als erster Schritt zu einer “solidarischen Ökonomie” führen wird. Es lohnt, die ganze Predigt auf der Webseite von St. Anna nachzulesen.
Nur gegen Ende musste ich schlucken. Pfarrer Führer erträumt sich als Wunder “die Anerkennung der Augsburger Confession von 1530 durch die Katholische Kirche!” Hatte ich recht gehört, die Confessio Augustana (CA) als ökumenisches Bekenntnis? Erst kürzlich hatte doch in Stuttgart der Lutherische Weltbund die Mennoniten um Vergebung gebeten, wegen der Verfolgung der Täufer im 16. Jahrhundert, die durch die Verdammung der “Wiedertäufer” in der CA weiter angefacht wurde. (In Augsburg hatte es 1527 und 1528 zwei Todesurteile gegeben. Ansonsten regelte man es hier durch Stadtverweis.)
Dementiert Führer durch den Wunsch nach Anerkennung der CA nicht den Inhalt seiner Nachfolgepredigt? Schließlich verdammt die CA gerade diejenigen, die schon im 16. Jahrhundert in der Nachfolge Jesu „Keine Gewalt!” riefen. Oder sollte Alois Knoller recht haben, wenn er den Satz so versteht, als sei die Anerkennung der “evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses” als Kirche gemeint? Da wären die Augsburger Mennoniten gleich mit dabei.
So ähnlich habe ich meine Gedanken auch in einem Leserbrief an die Augsburger Allgemeine formuliert.
Die Predigt ist hier nachzulesen:
http://www.augsburg-evangelisch.de/Download/aktuell/2010_08_08_predigt_pfr_christian_fuehrer.pdf
Das Presseecho des Friedensfests inclusive Alois Knollers Bericht über die Predigt Christian Führers in St.Anna:
http://www.augsburg-evangelisch.de/Download/aktuell/augsburger_allgemeine_2010_08_09.pdf
Versöhnung zwischen Lutheranern und Mennoniten
Erst jetzt komm ich dazu, was zur lutherisch-mennonitischen Versöhnung während der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes am 22.7.10 in Stuttgart zu bloggen. Redakteur Benji Wiebe hat es angemahnt, damit es beim Friedensfoto auf der Rückseite von Brücke 5/2010 stehen kann. Danke Benji! Ohne dich wäre das nur verschwommen gedacht, doch nie geschrieben worden.
Was schenken wir den Lutheranern zur Versöhnung? Haben die nicht schon alles? Was werden sich die Leute der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK) den Kopf zerbrochen haben, bis jemand sagt: Wir schenken was Praktisches, einen Holzeimer und ein Handtuch! Janet Plenert von der Mennonite Church Kanada, überreicht das Geschenk an den Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (LWB) Bischof Mark Hanson aus USA.
Bischof Hanson bereitet zuvor in einer bewegenden Rede das Plenum auf die Abstimmung vor. Er stellt sich klar hinter Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte an Gott und uns Mennoniten. Er betont die Verpflichtung erneuerter Beziehungen. So eindringlich wirbt er um Zustimmung, dass ich mich frage, welcher Delegierte wird noch Nein sagen können? Schließlich die Abstimmung. Mir stockt das Herz als Hanson sagt: „Wer der Vorlage zustimmt, möge das bitte kieend tun!” Etwas leichter wird mir, als er hinzufügt „oder aufstehen.” Ich beruhige mich. Sie knieen nicht vor uns, sondern vor Gott. Vor Menschen soll niemand kieen. Das Ergebnis ist von der Empore leicht zu überschauen: einstimmig angenommen. Die meisten stehen, doch hier und da knieen einzelne Delegierte oder kleine Gruppen. So geschehen am 22.7.2010 bei der Vollversammlung des LWB in der Stuttgarter Liederhalle.
Ich bin froh, dass Danisa Ndlovu aus Simbabwe, Präsident der MWK, demütig antwortet. Wir vergeben euch. Auch wir stehen nur hier, weil wir aus der Vergebung Gottes leben. So können wir miteinander Versöhnung feiern.
Einen Holzeimer und ein Handtuch haben wir verschenkt. Symbol einer Zukunft “in der die Kennzeichen unserer Beziehungen grenzenlose Liebe und unermüdlicher Dienst sein werden”. Ein gutes Geschenk, doch ich vermisse den Einsatz zur Fußwaschung dann im Versöhnungsgottesdienst.
Lassen wir uns beschenken und nehmen aus Stuttgart die Anregung zur Fußwaschung mit! Beginnen wir in Hauskreisen und Gruppen, wagen wir es auch im Gottesdienst! Jesus will uns etwas Praktisches schenken, wenn er den Jüngern die Füße wäscht und uns beauftragt, das untereinander zu tun. Nehmen wir ernst, was er uns mitgibt! Brotbrechen und Taufe, Fußwaschung als wiederkehrende Tauferinnerung.
Studieren wir, Lutheraner und Mennoniten, die 120 Seiten des Dialogdokuments! Jede lutherische Nachbargemeinde einer Mennonitengemeinde soll es erhalten, dieses beste Dialogdokument aller Zeiten. Die Geschichte der kritischen Zeit im 16. Jahrhundert gemeinsam geschrieben! Die Verwerfungen des Augsburger Bekenntnisses im Geist der Versöhnung analysiert! In geschwisterlicher Bußbereitschaft nach Überwindung der Verwerfungen gesucht! Möglich das alles durch die Versöhnung in Christus!
Wir sind auf der Weltebene angekommen. Für den nächsten Dialog müssen wir uns wohl an die TLF wenden (Transgalaktische Lutherische Föderation).
Ausstellung “Divine Connections” im Rahmen des Augsburger Hohen Friedensfestes
Zeughaus, Toskanische Säulenhalle, noch bis 30.9.2010
Kuratorin: Mirela Ljevakovíc
Unmöglich, dass die Stadt hier quasi Religionskritik von oben betreibt, so hatte ich zunächst empört gedacht, als ich im Programm des Augsburger Hohen Friedensfestes 2010 sah, dass von der Stadt verantwortet, die Ausstellung „Divine Connections” gezeigt wird.
2009 hatte ich in München in der „Plattform 3 - Räume für zeitgenössische Kunst” die Ausstellung “Belief Unlimited” gesehen. Sie zeigte gefühlt 60 % dieselben Exponate und Installationen, näher betrachtet sind aber nur 3 Exponate dieselben. Damals war ich beeindruckt, vor allem von dem blubbernden Ölfass mit Griffen aus vergoldeten Christusfiguren und UN-Logo als Kommentar zum UNchristlichen Konzept “Schutzpflicht”/”Responsibility to Protect”. Eine Installation von Bernd Schmelzer. Aber, so dachte ich jetzt, es ist doch etwas anderes, ob eine „alternative”, wenn auch öffentlich geförderte Galerie, radikale Kirchenkritik treibt oder ob eine Stadtverwaltung sich quasi amtlich kirchenkritisch bedienen lässt, vor allem in Augsburg, wo die causa Mixa noch nicht überwunden ist.
Doch ich wollte mit eigenen Augen sehen - berühren darf man hier nicht. Und die Ausstellung ist einfach wieder zu gut, als dass ich nicht amüsiert, begeistert und betroffen verweile. Dabei fehlt das Ölfass. Aber ich sehe und höre mindestens drei ganz starke Exponate, neben einigen auch ziemlich starken “Kleinigkeiten”.
Zwischen zwei Christentümern
„If I wasn’t Muslim” singt ein sich als bosnischer Muslim ausgebender Sänger zur Melodie „If I was a rich man”/”Wenn ich einmal reich wär”. Leider ist der Text des sakarkastisch verfremdeten Songs nicht gut zu verstehen, weil der Lärm der anderen Exponate den Videoton überlagert. Laut Auskunft der Hallenaufsicht ein von der Kuratorin gewollter Effekt. Die verstehbaren Fetzen handeln von der muslimischen Kriegserfahrung in Bosnien, vom Eingezwängtsein zwischen zwei Christentümern, die einander in Nationalismus nicht nachstehen … Damir Niksics Video von 2004 ist auch youtube zu sehen - mit dem vielsagenden Vermerk: “Für dieses Video wurde das Hinzufügen von Kommentaren deaktiviert.” So höre ich nun, dass der Text v.a. von all den “christlichen” Stereotypen der slavischen Brüder handelt. Und schließlich ist der Text nachzulesen auf der Netzseite von Damir Niksic.
Gebetsruf vom Großmünster
Dann ein Aktionskunstwerk aus der Schweiz, dessen Doku als Video abläuft und durch eine Installation verstärkt wird. Das Soundbombenprojekt des Künstlers Johannes Gees: ein Protest gegen das per Plebiszit herbeigestimmte Minarettverbot - eine einsame Stimme gegen die vox populi = vox dei, rechtzeitig vor der Abstimmung 2007 realisiert. Per Video lässt Gees sich beobachten, wie er an prominenten Schweizer Kirchtürmen Soundbomben anbringt, ebenso auf dem Ebenstein in den Appenzeller Bergen - so werden Nationalheiligtümer zu Aktionskunstwerken. Wendeltreppen, Seilbahn, Bergwege bringen Gees zum „Tatort”.
Die Soundbomben sind schwarze Kästen, in die Gees Lautsprecher einbaut und Zeitschaltuhren. Jeweils zur muslimischen Gebetszeit geht die Bombe los und es erschallt „Salat” - der islamische Gebetsruf in einer Aufnahme vom Minarett der Hauptmoschee in Mekka. Wahrlich, eine Installation fast Sattlerschen Ausmaßes! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Im Video laufen auch einige Reaktionen von Passanten vor dem Berner Münster oder dem Zürcher Großmünster. Am schönsten das verhuschte Lächeln und dann Wegducken einer Muslimin mit Kopftuch. Außerdem in der Ausstellung zu besichtigen, sauber gerahmt aufgehängt, die sehr amtliche Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Zürich zur Einstellung eines Verfahrens auf die Klage eines in seinem religiösen Empfinden gestörten Bürgers - Realsatire ist nichts dagegen. Das Video gibt’s auch im Netz. In Augsburg klingt aus dem sich drehenden Lausprecher ab und an auch noch ein Ave Maria.
Synagode und Hallenbad
Am krassesten aber jüdische Aktionskunst von Noam Braslavsky „Dysonans Poznania, Undercover, N.B.L.” In der Stadt Poznan im deutsch besetzten Polen verwandeln die Nazis eine Synagoge in ein Hallenbad, das anscheinend heut’ noch existiert. Die Aktionisten treten dort ein: reihenweise kippen Männer und Frauen ins Wasser. Man sieht einen Mann den Gebetsriemen anlegen. Eine jüdische Hochzeit wird unter Wasser zelebriert, ebenso eine Beschneidung … grotesk die langsam tauchenden Bewegungen … ich assoziiere beim Schauen Bilder des Holocaust … Feuer und Wasser … reinigende Elemente … grotesk und geil, weil die nassen Kleider am Körper kleben … Genitalien werden nicht nur in der Beschneidungszeremonie sichtbar … im Abspann ist VW Poznan als Sponsor genannt.
Kleinigkeiten und Beziehungen
Hier und da eine Kleinigkeit - etwa ein Plastikpüppchen im weißen Kleidchen umgeben von einer kleinen Glaskugel - was soll das, frage ich, bis ich die Blutspritzer auf dem weißem Kleidchen seh.
“Divine Connections”, muss das sein? “Göttliche Beziehungen” klingt doch auch nicht schlecht. Divine Connections brauchte es sicher nicht, diese Ausstellung im Friedensfestprogramm zu installieren. Eher irdische Beziehungen in die Augsburger Kulturverwaltung werden gereicht haben.
Und im Gästebuch fragt einer, warum es keine Augsburger Bezüge gebe.
… wer zuviel von irgendwelchen Speisen verzehrt, die echtes italienisches Marmorpulver enthalten und dann den Rückwärtsgang einlegt. Welche Speisen das sind? Muss mal in meinem Internet nachsehen.
Ich jedenfalls bin heute etwas aufgehalten worden, weil der IC , der um 17.40 in Augsburg Hbf ankommen sollte, stattdessen schon in Augsburg-Oberhausen Bf anhielt. Er hatte gar nicht Platz auf dem etwas zu kurzen Bahnsteig. Ursache war das Marmorpulver. Ein Güterzug hatte dasselbe am Sonntag zu irgendeiner Lebensmittelfirma bringen wollen und war in der Nähe des Hbf entgleist. Da sieht nun alles weiß gepudert aus und die kaputten Wagen liegen rum, die Gleise sind verbogen etc. pp. Das mit den Spiesen oder Lebensmitteln ist kein Witz genauso stehts in der Augsburger Allgemeinen. “Die 16 Waggons waren auf dem Weg aus dem östereichischen Gummern [gibts da auch Marmor oder wurde nur umgeladen?] nach Kostrzyn in Polen und hatten Marmormehl geladen, das u.a. in der Lebensmittelherstellung verwendet wird.” Druckausgabe 5.7.10, S. 6. Gummern (=pfälzisch: Gurken), da kommen wir schon in die Nähe von Lebensmitteln. Oder kommt das Zeug in polnische Würste?
Wie dem auch sei, schließlich brachte ein Zug-Ersatzverkehr (=deutsch: Bus) mich zum Hbf, wo ich mein Fahrrad aus dem Fahrrad-Parkhaus befreite und ihm ein bisschen Auslauf gab.
Die Wohnung ist heiß und ich brüte über einem Rezept für Abendmahlsbrot. Eine Zutat ist jedenfalls Marmormehl und in die Liturgie ließe sich dann Drafi Deutschers unsterblicher Hit vom Marmorstein, der bricht, einbauen. Leichte Textveränderung und schon steht das Abendmahlslied:
Marmorstein und Eisen bricht, aber Gottes Liebe nicht …
Inzwischen hab ich in der “Welt” (die Zeitung, nicht das Universum) gefunden, dass das Marmormehl sowieso schon in Brötchen drin ist. Also brauch ich gar kein Rezept entwickeln. Werde mal beim Bäcker meiner Wahl fragen, ob ers in die Semmeln (bayrisch: Brötchen) tut. Das würde erklären, warum es immer so knirscht bei Frühstück.
Bin doch ziemlich froh, dass der Güterzug gestern entgleiste und nicht heute, als ich grad in der Nähe war. Und gestern ist dem Lokführer und auch niemand sonst was passiert. Gott sei dank!
Sonntag, 13.6.2010, bin ich mit einer 15-köpfigen Gruppe aus einer Mennonitengemeinde am Hauptbahnhof verabredet. Auf täuferischen Spuren wollen sie in Augsburg unterwegs sein. Zuerst gibt es ein wenig Nieselregen, so dass ich als erste Station mit der Straßenbahn das Rathaus ansteuere. Dort gibt es Geschichte zum Anfassen - im Trockenen! Einige Objekte stellen Stationen aus der Stadtgeschichte dar und laden zum Betasten ein. In Blindenschrift und der Schrift für Sehende werden sie erläutert. Zu einer kurzen Besinnung verweilen wir nebenan im Gedenkraum für die dem Holocaust zum Opfer gefallenen Augsburger Juden. Alle bekannten Namen sind auf großen Glassplattenverzeichnet.
Als wir das Rathaus wieder verlassen, hat sich der Regen verzogen. Sonst hätte ich noch den Goldenen Saal besichtigen lassen. Vom Rathaus in der patrizischen Oberstadt steigen wir topografisch und sozial hinab in die Unterstadt der Handwerker. Dort erzähle ich u.a. vom Schillingaufstand am 3.8.1524. Als Antwort auf die Entlassung Johannes Schillings, des populären Predigers an der Barfüßerkirche, hatten sich Menschenmassen „zusammengerottet” und vor dem Rathaus für dessen Rückkehr demonstriert. Schilling hatte sich in seinen Predigten wohl reformatorisch, aber auch sozial engagiert geäußert. Gerechtigkeit auch für die kleinen Leute - frohe Botschaft für die Armen - auch das ist Evangelium. Zu den Demonstranten finden sich einige, die später zur Täuferbewegung stoßen. Die Demos erreichen immerhin die Rückkehr Schillings. Dem Rat war wohl angst und bang geworden. Doch als sich der Zorn der Masse gelegt hatte, wurde Schilling erneut aus der Stadt gewiesen. Diesmal ohne Aufschrei.
Dann stehen wir vor dem Haus, wo sich am Ostermorgen 1528 etwa 100 Täufer versammelt hatten, die Auferstehung Christi zu feiern. Einige hatten schon bemerkt, dass in der Umgebung Stadtknechte versteckt waren. Die Vorsteher warnten die Versammlung und stellten es allen anheim, wieder zu gehen, was etliche auch taten. Die Versammlung wurde dann tatsächlich gesprengt. 88 Männer und Frauen verhaftet, darunter die Hausherrin und fast alle führenden Täufer Augsburgs.
Während ich darüber erzähle, kommt ein Mann und will wohl in einen Kleinbus einsteigen, den wir blockieren. „Sollen wir Ihnen Platz machen?” „Nein ich höre gerne zu!” Zum Ende der Station gibt er sich als der neue Hausbesitzer zu erkennen. Ich frage nach seiner Adresse. „Ja, hier wohne ich! In diesem historischen Haus!” Er wusste schon etwas von der Bedeutung des Hauses für die Täufergeschichte. Ich gebe ihm meine Karte und wir verabschieden uns herzlich.
Als wir die nächste Station hinter uns haben, begegnet er uns auf dem Weg zum Brechthaus. Er ist uns nachgegangen. Er überreicht mir einen alten Eisennagel. „Für Sie. Wir haben ihn bei der Renovierung gefunden.” Ob der Nagel aus dem 16. Jahrhundert stammt? Das müssen Fachleute entscheiden. Mir erscheint es zumindest möglich. - Auf jeden Fall gibt es wohl eine offene Tür zu diesem alten Täuferhaus. - Ich bedanke mich herzlich und kündige an, demnächst Kontakt aufzunehmen.
Ein Nagel als historisches Zeugnis
Wer weiß, womöglich ist der Nagel das erste Exponat, einer kommenden Ausstellung “(Wieder)Täufer in Augsburg”? Wer weiß, vielleicht gibt es bald ein sichtbares Erinnerungszeichen am Ort, der damals gesprengten Osterversammlung. Viele, auch die Hausherrin, wurden ausgewiesen, manche gebrandmarkt, der Vorsteher Hans Leupold hingerichtet. Als man ihm vor dem Rathaus das Urteil verlas und mitteilte, dass er mit dem Schwert vom Leben zum Tod gerichtet werde, rief er mit lauter Stimme: „Nicht also, ihr Herren von Augsburg, sondern aus dem Tod zum Leben.” So geschehen in Augsburg am 25.4.1528.
ZDF-Krimireihe: Ihr Auftrag, Pater Castell
Das Geheimnis der letzten Tage, ZDF, 27.5.2010, 20.15 - 21.45
Da gucken die Schauspieler bedeutungsvoll, da sagen sie ihre Texte auf, da dräut die Musik und es wabert gregorianisch, wenn via Petersdom der Vatikan ins Bild gesetzt wird. Schließlich wirkt im Hintergrund Kardinalstaatssekretär Scarpia und öffnet dem ZDF-Detektiv Pater Castell die bekanntlich allwissenden Archive des Vatikan für entscheidende Indizien.
Erst jetzt entdecke ich die schon 2008 gestartete ZDF-Krimireihe. Die letzte Folge begnügt sich nicht damit, dass zwei Drittel der Ermittler dem katholischen Klerus angehören. Auch der erste Verdächtige für den obligatorischen Mord muss ein katholischer Priester sein. Er muss zudem dem “fundamentalistischen Verein eines abtrünnigen Bischofs” angehören, der am liebsten heute noch Ketzer verbrennen würde. Was für die Handlung, später keinerlei Rolle mehr spielt. Obendrauf muss der Ermordete auch noch zu einer Gruppe von Amischen gehören, die vor einiger Zeit aus USA eingewandert ist.
Der Ermordete wurde von den Amischen für abweichendes Verhalten mit Meidung gestraft. Wer meidet, der mordet, schließt die Komissarin arg naiv. Als weiterer Verdächtiger kommt also der arg dogmatisch halsstarrige Älteste der Amischen oder dessen künftiger Schwiegersohn ins Spiel, denn der Älteste hatte seine Tochter dem falschen versprochen. Der offizielle Verlobte ist damit natürlich Verdächtiger Nr. 3! Es sei gleich verraten, dass selbst mittelmäßig gewiefte Zuschauer nach spätestens 1/3 der Sendezeit im Urin spüren werden, wer der wahre Mörder ist.
Das Detektivteam ist sozusagen trinitarisch konstruiert und besteht aus Kardinalstaatssekretär Scarpia (Hans Peter Hallwachs), Pater Kastell (Francis Fulton-Smith) als “Sonderermittler des Vatikan” und schließlich der bieder daherkommenden Münchner Komissarin Marie Blank (Christine Döring) - laut ZDF “eine atheistische Karrierefrau”, die durch Pater Castell beginnt, sich für den Glauben zu interessieren. Im Interview meint die Schauspielerin, die Serie sei “guter Geschichtsunterricht”.
Da fehlt mir der Glaube. Leider wirken nicht nur Handlung und Personen, sondern auch der historische Rahmen dieser Folge arg konstruiert. Der Ermordete hat angeblich ein von Jakob Amman mit ins Grab genommenes Geheimnis entdeckt. Er wollte von ihm entdeckte undogmatische Spätschriften Ammans nutzen, um eine amische Reformation zu bewirken. Auch die in die Handlung eingestreuten Infos über amische Geschichte und Eigenart bleiben in Klischees stecken und lassen uninformierte Zuschauer ähnlich uninformiert zurück. Ebenso werden katholische Kirche und Vatikan arg stereotyp gezeichnet
Die Kommissarin erinnert sich angesichts der amischen Kleidung “an einen Film mit Harrison Ford und dieser Sekte in USA”. Eine Szene zitiert sogar Peter Weirs legendären Amischkrimi „Der einzige Zeuge”. Dorfjugendliche mobben einen jungen Amischen, Pater Castell greift ein und rettet ihn. Die konsternierte Komissarin fragt: Warum hast du dich nicht gewehrt? “Wir wollen nicht zu dieser Welt gehören. Aber die sind neidisch, denn die Städter kaufen lieber unser Obst.”
Das beste ist noch, dass zu Beginn der Handlung, als noch der Fundipriester verdächtigt wird, Pater Castell sich große Sorgen ums ökumenische Klima macht: „ein gefundenes Fressen für die Presse. Es hat Jahre gedauert, dass der Dialog in Gang kam, nach allem, was die letzten Jahrunderte geschehen ist.” War Castell etwa inkognito Mitglied der Dialogkommission zwischen Mennonitischer Weltkonferenz und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Es kommt schließlich sogar zu einer materiellen Wiedergutmachung vergangenen Unrechts gegenüber den Amischen.
Schade, die erste Folge der neuen Krimiserien leidet an unerträglich flacher Story, ebenso flacher Schauspielerei, fehlendem historischen, psychologischen, und literarischem Tiefgang.
Die eingestreuten Infos über Katholiken, Amische und andere Kirchen sind kaum mit der Handlung verbunden, meist werden sie in Dialoge zwischem kirchengeschichtlich bewandertem Pater und ahnlungsloser Kommissarin gepackt: “Amische sind grundsätzlich gegen Gewalt, sind sind letztendlich aber auch nur Menschen.” Wer hätte das gedacht?
Der Sendungstitel “Das Geheimnis der letzten Tage” hat übrigens keinerlei endzeitlichen Horizont. Es geht nur um die angeblich letzten Schriften Jakob Ammans.
Es wird einfach zu viel, zu dick aufgetragen. Die Anspielungen auf berühmte klerikale Detektive von Chestertons Father Brown, über Rühmanns Pater Brown bis zu Ottfried Fischers Pfarrer Braun zeigen nur die Fallhöhe zu diesen Vorbildern.
Neben dem ARD-Tatort aus Münster und dem Münsteraner Antiquar und ZDF-Privatdetektiv Wilsberg, beide immer wieder mal für Täufermotive gut, nun also Amische in Pater Kastells klerikaler Krimireihe. Wie nur kommen die Autoren darauf, Jakob Amman sei in Habach bei Augsburg an Auszehrung gestorben und dort begraben? War doch Habach (Heybach) in Oberbayern, südlich des Starnberger Sees, um 1495 Hans Dencks Geburtsort. Eine historische Krimiserie mit Hans Denck als Ermittler, das wärs doch. Da könnten spiritueller und krimineller Tiefgang einander das Wasser reichen.
Übrigens der Sendungstitel “Das Geheimnis der letzten Tage” hat keinerlei endzeitlichen Horizont. Es geht nur um die angeblich letzten Schriften Jakob Ammans.
In der ZDF-Mediathek gibt’s jede Menge Interviews mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern. Außerdem ein Lexikon, das jedoch nicht mal das Stichwort “Amische” enthält.
Wer den Film trotz dieser Rezension noch anschauen will, findet das Video in der ZDF-Mediathek: